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BFSG-Praxisstudie 2026: Wie barrierefrei sind deutsche Websites wirklich?

Wir haben am 10. August 2026 1.000 zufällig gezogene deutsche Websites mit einem echten Browser geprüft – nicht nur die Startseite, sondern je bis zu 5 Unterseiten. Ein Jahr nach Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes blieben 2 von 678 vollständig geprüften Websites ohne einen einzigen automatisch feststellbaren Verstoß. Das sind 0,3 %.

46,6Punkte im Schnitt
von 100 möglichen
87 %haben Text mit
zu wenig Kontrast
0,3 %blieben ganz
ohne Befund
79beanstandete Stellen
je Website (Median)

Das Ergebnis in einem Satz

Ein Jahr nach dem Stichtag des BFSG ist digitale Barrierefreiheit in Deutschland die Ausnahme, nicht die Regel. Von 678 vollständig prüfbaren Websites erreichten 53,1 % weniger als die Hälfte der erreichbaren Punkte. Der Durchschnitt liegt bei 46,6 von 100, der Median bei 47. Über alle geprüften Seiten hinweg haben wir 75.247 einzelne beanstandete Stellen gezählt.

Bemerkenswert ist weniger der Durchschnitt als die Verteilung: Es gibt kaum sehr gute Websites. Nur 9,7 % liegen über 75 Punkten, und ganze 2 Websites bestanden alle 10 automatischen Prüfungen. Im Schnitt bestand eine Website 6,1 davon.

Wie die Punkte verteilt sind

Grundlage sind die 678 Websites, bei denen alle 5 Unterseiten geladen werden konnten (warum diese Einschränkung nötig ist, steht unter Methodik).

Punkteverteilung über 678 deutsche Websites, erhoben am 10. August 2026
PunktebereichAnteilWebsitesBalkendarstellung
0–24 Punkte – schwer zugänglich 16,5 % 112
25–49 Punkte – erhebliche Barrieren 36,6 % 248
50–74 Punkte – teilweise zugänglich 36,9 % 250
75–99 Punkte – weitgehend zugänglich 9,7 % 66
100 Punkte – kein automatischer Fund 0,3 % 2

Die Spannweite reicht von 0 bis 100 Punkten. Das untere Viertel der Websites liegt bei 33 Punkten oder darunter, das obere Viertel bei 60 oder darüber. Eine einzelne Website kam auf 2.116 beanstandete Stellen; 68,4 % aller Websites hatten mindestens 50.

Die häufigsten Verstöße

Anteil der 678 Websites, auf denen mindestens ein Verstoß der jeweiligen Art gefunden wurde:

Häufigkeit der 10 automatisch prüfbaren Verstoßarten
VerstoßAnteilWebsitesBalkendarstellung
Zu geringer Farbkontrast 87 % 590
Links und Schaltflächen ohne Namen 85,1 % 577
Fehlerhafte Überschriftenstruktur 83,5 % 566
Formularfelder ohne Beschriftung 57,8 % 392
Bilder ohne Textalternative 36,9 % 250
Mehrfache Eingabe derselben Angabe 11,2 % 76
Tastaturfokus wird verdeckt 11,1 % 75
Sprache nicht angegeben 9,4 % 64
Kognitiver Test bei der Anmeldung 4,7 % 32
Ziehen ohne Alternative 0 % 0
Zu geringer Farbkontrast WCAG 1.4.3 (AA)
Text hebt sich nicht genug vom Hintergrund ab – gemessen am fertig gerenderten Bild, inklusive Farbverläufen.
Links und Schaltflächen ohne Namen WCAG 2.4.4 / 4.1.2 (A)
Ein Element ist bedienbar, aber Screenreader lesen nur „Link“ – meist Icon-Buttons ohne Beschriftung.
Fehlerhafte Überschriftenstruktur WCAG 1.3.1 (A)
Ebenen werden übersprungen oder es gibt keine h1. Wer per Überschrift navigiert, verliert die Orientierung.
Formularfelder ohne Beschriftung WCAG 1.3.1 / 3.3.2 (A)
Das Feld hat kein verknüpftes label. Ohne Blick auf den Platzhalter ist unklar, was hineingehört.
Bilder ohne Textalternative WCAG 1.1.1 (A)
Ein informatives Bild hat kein alt-Attribut. Dekobilder mit alt="" zählen korrekterweise nicht als Fund.
Mehrfache Eingabe derselben Angabe WCAG 3.3.7 (A, WCAG 2.2)
Dieselbe Information muss im selben Vorgang erneut eingetippt werden, ohne Auswahl- oder Übernahmemöglichkeit.
Tastaturfokus wird verdeckt WCAG 2.4.11 (AA, WCAG 2.2)
Ein Sticky-Header oder Cookie-Banner legt sich über das Element, auf dem der Fokus gerade steht.
Sprache nicht angegeben WCAG 3.1.1 (A)
Ohne lang-Attribut spricht die Vorlesesoftware deutschen Text unter Umständen mit englischer Aussprache.
Kognitiver Test bei der Anmeldung WCAG 3.3.8 (AA, WCAG 2.2)
Ein Captcha oder Rätsel ohne Alternative als einziger Weg durch die Anmeldung.
Ziehen ohne Alternative WCAG 2.5.7 (AA, WCAG 2.2)
Kein einziger Fund. Auf Inhaltsseiten kommen echte Drag-Bedienungen praktisch nicht vor – das Kriterium greift eher in Web-Anwendungen.

Die drei häufigsten Probleme betreffen über 83 % der Websites und sind alle drei gut zu beheben – Kontrastwerte, Beschriftungen für Icon-Buttons und eine saubere Überschriftenhierarchie sind Fleißarbeit, keine Architekturfrage. Wie das konkret geht, steht unter Häufige Fehler beheben.

Große und kleine Websites im Vergleich

Die Stichprobe ist nach Bekanntheitsgrad geschichtet gezogen, damit auch die großen Portale vertreten sind. Das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, große Anbieter hätten das Thema im Griff:

Durchschnitt nach Rangbereich in der Tranco-Liste
RangbereichWebsitesØ PunkteMedianmit Kontrastfehler
Rang 1 – 1.0001041,347100 %
Rang 1.001 – 10.00011052,35383 %
Rang 10.001 – 100.00027548,75184 %
Rang 100.001 – 1.000.00028342,54191 %

Einordnung. Bei den 10 meistbesuchten Websites der Stichprobe hatte jede einzelne Kontrastprobleme, und der Durchschnitt liegt mit 41,3 Punkten unter dem Gesamtmittel. Über alle 774 ausgewerteten Domains ist der Zusammenhang zwischen Bekanntheit und Punktzahl zwar statistisch nachweisbar, aber schwach (Rangkorrelation nach Spearman ρ = −0,128). Kleinere Websites schneiden im Schnitt etwas schlechter ab – aber Reichweite schützt erkennbar nicht vor Barrieren. Diese Schicht umfasst nur 10 Websites, ihr Mittelwert schwankt daher stark.

Einordnung neben anderen Studien

Unsere Zahlen liegen bei manchen Verstoßarten deutlich höher als die anderer Erhebungen. Das liegt an der Methode, nicht daran, dass deutsche Websites plötzlich schlechter geworden wären – wir prüfen bis zu 5 Unterseiten statt nur die Startseite, und wir messen Kontraste am gerenderten Bild statt aus dem Quelltext.

Vergleich mit anderen automatisierten Erhebungen
ErhebungUmfangWerkzeugKontrastLinks/ButtonsAlt-Texte
Barrierewerk BFSG-Praxisstudie 2026678 deutsche Websites, je bis zu 5 SeitenBarrierewerk (echter Browser)87,0 %85,1 %36,9 %
WebAIM Million Februar 20261.000.000 Startseiten weltweitWAVE83,9 %46,3 %53,1 %
mindshape BFSG-Readyness-Check 20251.000 TYPO3-Startseiten, DeutschlandGoogle Lighthouse74,6 %68,7 %21,3 %

Die Werte sind nicht eins zu eins vergleichbar, und das soll die Tabelle auch nicht suggerieren. WebAIM zählt leere Links und leere Buttons getrennt (46,3 % und 30,6 %), wir fassen beide zusammen. mindshape misst mit Google Lighthouse und kommt auf einen Durchschnittsscore von 85 von 100 – das ist eine andere Skala als unsere und sagt nichts darüber aus, ob deren Websites besser sind. Beim Alt-Text liegen wir unter den anderen beiden, weil wir korrekt leer ausgezeichnete Dekobilder nicht als Fehler werten.

Übereinstimmend ist der Befund zur Größenordnung: Eine Untersuchung von Buzzmatic und DataPulse Research über 2.446 deutsche Online-Shops kam auf rund 1 % vollständig konforme Shops. Unsere 0,3 % ohne jeden automatischen Befund liegen in derselben Größenordnung, obwohl beide Studien unabhängig voneinander und mit anderen Werkzeugen gearbeitet haben.

Methodik – so wurde gemessen

  1. Grundgesamtheit. Die Tranco-Liste W3779 vom 9. August 2026 enthält eine Million Domains und ist gegen Manipulation gehärtet; sie wird in der Forschung eingesetzt, weil sie über 30 Tage gemittelt und damit reproduzierbar ist. Darin sind 26.659 Domains mit der Endung .de.
  2. Ziehung. Aus diesen 26.659 wurden 1.000 Domains gezogen, geschichtet nach Rangbereich, damit auch die vorderen Ränge belastbar besetzt sind. Der Zufallsgenerator (Mulberry32) lief mit der festen Saat 20260810 – die Ziehung ist damit exakt wiederholbar.
  3. Messung. Jede Domain wurde in einem echten Chromium-Browser geladen, dazu bis zu 4 intern verlinkte Unterseiten. Geprüft wurden 10 Kriterien automatisch; Kontrastwerte wurden am fertig gerenderten Ergebnis gemessen, einschließlich Farbverläufen und halbtransparenter Flächen.
  4. Ausschluss. 226 der 1.000 Domains waren nicht messbar und fließen in keine Prozentzahl ein. Gründe: 164× seite nicht ladbar – Zeitüberschreitung, Serverfehler oder Bot-Sperre; 59× domain ließ sich nicht auflösen (kein DNS-Eintrag mehr); 3× zeigte auf eine interne/private Adresse und wurde übersprungen.
  5. Kernstichprobe. Von den 774 messbaren Domains wurden nur die 678 ausgewertet, bei denen alle 5 Seiten geladen werden konnten. Das ist die wichtigste methodische Entscheidung dieser Studie – die Begründung steht im nächsten Absatz.

Ein eigener methodischer Befund: Wer nur die Startseite prüft, misst zu gut. In unserem Datensatz erreichten Websites, bei denen nur eine einzige Seite ladbar war, im Schnitt 89,3 Punkte – gegenüber 46,6 Punkten bei fünf geprüften Seiten. Der Grund ist banal: Startseiten sind gepflegt, Formulare und Detailseiten nicht. Da fast alle großen Erhebungen ausschließlich Startseiten prüfen, dürften deren Zahlen die Lage systematisch zu positiv darstellen.

Denselben Effekt haben wir beim Rendering gemessen: Ohne echten Browser, also nur aus dem HTML-Quelltext, fielen dieselben Websites um rund 20 Punkte besser aus, weil per JavaScript erzeugte Inhalte und tatsächlich wirksame Farbwerte unsichtbar bleiben.

Was diese Studie nicht sagt

Diese Seite soll belastbar sein, deshalb die Einschränkungen offen und vollständig:

Rohdaten herunterladen

Der vollständige Datensatz mit allen 1.000 gezogenen Domains steht als CSV bereit – mit Rangbereich, Status, Zahl der geprüften Seiten, Punktzahl, Zahl der Einzelfunde und je einer Spalte pro Prüfung. Damit lässt sich jede Zahl auf dieser Seite nachrechnen.

Rohdaten als CSV herunterladen1.000 Zeilen · 57 kB · CC BY 4.0

Die Daten stehen unter Creative Commons Namensnennung 4.0 (öffnet in neuem Tab). Nutzung, Weiterverarbeitung und Veröffentlichung sind frei, solange barrierewerk.de als Quelle genannt wird. Für Presseanfragen oder die Auswertungsskripte: info@pepelabs.de.

Quellen

Wie auf Aktuelles kennzeichnen wir, woher eine Angabe stammt: Primärquelle heißt Gesetzestext, Normtext, Datensatz oder die veröffentlichende Stelle selbst; Fachpresse heißt Sekundärquelle. Alle externen Quellen wurden am 10. August 2026 zuletzt aufgerufen.

Rechenfehler gefunden? Die Rohdaten liegen offen – wenn eine Zahl auf dieser Seite nicht zum Datensatz passt, schreib uns. Wir korrigieren sie und vermerken, was geändert wurde.

Diese Seite ist eine allgemeine Information und keine Rechtsberatung.

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